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Hallo liebe Leser*innen, heute möchte ich Euch einen Fall aus meiner Praxis vorstellen.

Es handelt sich dabei um zwei Schwestern. Die Eine lebt in München – nennen wir sie Hannah, und die Andere lebt hier in Hagen – nennen wir sie Miriam. Hannah ist eine alleinstehende, erfolgreiche und stets zeitlich angespannte Maklerin von 43. Miriam, 38 hingegen arbeitet teilzeit, hat zwei Kinder von 10 und 12, versorgt ihre Familie und pflegt die gemeinsame Mutter.

Eben die Pflege der Mutter, die ebenfalls in Hagen lebt, wird zum Streitthema bzw. zum Streitauslöser zwischen den beiden Schwestern. Miriam fühlt sich von Hannah in jeglicher Hinsicht im Stich gelassen, wo hingegen Hannah den Stress, den Miriam um die Mutter macht, nicht verstehen kann. Es sei doch nur bisschen Aufwand, meint sie, zumal ihre Schwester kaum arbeitet.

So wird es deutlich, dass beide Schwestern in unterschiedlichen Welten leben. Für Hannah ist nur ein bezahlter Job ein Job – Kinder, Haushalt, Pflege der Mutter usw. gehören auf jeden Fall nicht dazu. In ihrer Vorstellung über das Leben von Miriam heisst es, fast alles was sie macht, kostet weder Zeit noch Kraft und läuft im Alltag nebenher.
Miriam hingegen schaut zu ihrer Schwester wegen ihrer finanziellen und familiären Unabhängigkeit auf. Wertet sie gleichzeitig dafür ab, dass sie keine Kinder hat. Sie sieht sie als eine egoistische Personen, deren Leben sich nur um Karriere und sich selbst dreht.
Die Idee über das Leben und die Werte der jeweils anderen Schwester prägen auch die gemeinsame Kommunikation. Anerkennung findet zwischen ihnen beiden nicht mehr statt, sondern Abwertung und gegenseitige Schuldzuweisungen. So ist es auch nicht verwunderlich, dass sie punkto des eigentlichen Themas: der Pflege und Versorgung der Mutter, nie zu einem Ergebnis kommen, da sie stets bei jedem Versuch in der Spirale der Abwertung landen.

Was kann da Mediation tun?

Ich unterstütze die Schwestern wieder eine Kommunikation auf Augenhöhe hinzubekommen. Sie sollen nicht an einander vorbei reden. Wir behandeln die Themen der Werte und Normen, und schauen uns den Werdegang und Lebensentscheidung an. Neben dem Verstehen entwicklen wir  gegenseitige Wertschätzung für die Entscheidungen und Leistungen der jeweils Anderen. Und was wichtig ist, wir konzentrieren uns auf den eigentlichen Streitpunkt. Und das ist auf keinen Fall die Bewertung, wie jeder sein Leben zu gestalten hat. Nach drei zweistündigen Sitzungen können die Schwestern wieder miteinander, und in der vierten Sitzung sind wir soweit an Lösungen zu arbeiten.

Die Lösung, die beide Schwestern erarbeiten und am Ende auch sehr zufrieden sind, ist: Miriam verpflichtet sich durchschnittlich 1,5 Stunden täglich um ihre Mutter zu kümmern und natürlich im Notfall für sie da zu sein. Miriam führt ein Buch über diese Stunden. Hannah bezahlt Miriam diese Stunden mit 12,50 und sie bezahlt auch eine Haushaltshilfe für 3x wöchentlich für 3 Stunden sowie den Hausnotruf. Pflegestufe wird beantragt. Sie wird zur Erweiterung der Dienstleistungen für die Mutter verwendet und kürzt Hannas Aufwand nicht. Die Haushaltshilfe soll nicht nur die Reinigung der Wohnung, sowie Kochen übernehmen, sondern auch mit der Mutter spazieren gehen. An diesen Tagen braucht Miriam dann nicht vorbei zu schauen. Beide Töchter werden mit der Mutter sprechen, ob sie bereit wäre ab und an in eine Tagesstätte zu gehen, wo sie halt auch mit anderen Menschen Kontakt hat. Sollte sich die Mutter verweigern, klärt Hannah ob über die Freiwilligenzentrale eine Unterstützung zu organisieren ist. Darüber hinaus verpflichtet sich Hannah ein mal im Jahr nach Hagen zu kommen und sich zwei Wochen um die Mutter zu kümmern, damit Miriam mit ihrer Familie in ruhe in Urlaub fahren kann.

Es sind vorläufige Lösungen, denn das Alter und der Gesundheitszustand der Mutter können sehr schnell die Situation verändern. Jedoch dank die getroffenen Vereinbarung haben die Schwestern eine Grundlage geschaffen, die sie in der Zukunft nur anpassen brauchen oder sie kommen noch mal zur Mediation, um eben weiteren Konflikten vorzubeugen, und Vereinbarungen so zu erarbeiten, dass möglichst viele Aspekte berücksichtig sind.

Wenn Sie mich jetzt Fragen, welche Konfliktart es war. Das war auf jeden Fall ein Familienkonflikt, in dem es scheinbar um die Mutter ging. Und in dem es deutlich wurde, dass es um die Beziehung der Schwestern, ebenfalls um Normen und Werte ging. Das eben stelle ich in meiner Arbeit immer wieder fest – ein Konflikt kommt selten allein.

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